Wiener Wandertouren – ein Treffpunkt der Kulturen

Ein Rucksack auf den Schultern und rauf ins Gebirge! – eine gewöhnliche Sache für viele Österreicher. Klar, denn kaum ein anderes Land bietet bessere Bedingungen für eine derartig erlebnisreiche Aktivität. Auch die MigrantInnen aus den sowjetischen Ländern haben es nicht geschafft, der schönen Natur und den bunten Landschaftsformen der Alpenrepublik zu widerstehen.

Bereits seit 2014 werden in der „Wiener Wandern-Gruppe“ auf Facebook verschiedene Wandertouren rund um Wien organisiert. Die Gruppe wurde von der Ukrainerin Anastasiia Schneider gegründet und dient bis heute dem Zweck der Integration, Kommunikation und des Kulturaustauschs unter verschiedenen Bevölkerungsgruppen mit osteuropäischem Migrationshintergrund.

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit

Schon Anfang der 90er, mit dem Zerfall der Sowjetunion, begann die erste Migrationswelle nach Österreich. Damals wussten die Ausgewanderten aufgrund des Eisernen Vorhangs nicht besonders viel über die westeuropäische oder österreichische Kultur. Das Bild in Köpfen der Menschen war von sowjetischen Stereotypen geprägt. Diese wurden aber bald gebrochen und es begann eine schnelle und meist problemlose Integration. Die Interessen wurden ausgetauscht und die Lebensweise der Österreicher wurde übernommen.

Title: “Ausflug in die Lobau, 2016”, Wiener Wandern-Gruppe © Amin Koubaa‎

Vor allem die in Österreich übliche sportliche und kulturelle Aktivität, die Wanderungen ins Gebirge und durch die Wäldernahmen, nahmen Osteuropäer und Russen gerne an. Denn in ihren Heimatländern ist es wegen des Kontinentalklimas und trockener und kalter Wintertage, nur schwer möglich, die Natur in vollen Zügen zu genießen. Anders sieht es aber im Land Österreich aus, das sich in der mitteleuropäischen gemäßigten Klimazone befindet. Hier sind die Temperaturunterschiede zwischen Winter und Sommer nicht besonders groß und das Wetter bleibt ganzjährig optimal für Wandertouren.

Wiener Wandern-Gruppe – Gruppe für alle, die gerne wandern

Die Gründerin der Gruppe, Anastasiia Schneider, lebt seit 2010 in Österreich. Als sie im Jahr 2014 die Gruppe gründete, hätte sie sich gar nicht vorstellen können, dass schon in wenigen Jahren die Gruppe mehr als 2.000 Abonnenten haben würde.

Titel „Ausflug zum Schneeberg, 2014“, Wiener Wandern-Gruppe © Németh Szilvia‎

Die Liebe zum Wandern wurde Anastasiia durch ihre Familie anerzogen. „Als ich ein kleines Kind war, gingen wir jeden Sommersonntag mit meinem Vater gemeinsam Pilze sammeln und blieben länger im Wald.“, denkt sie sich an ihre Kindheit zurück. Genau wegen der schönen Natur und der vielen Gebirge wollte sie schon immer nach Österreich ziehen, was sie dann auch tat. Nach dem Schulabschluss in Kiew in der Ukraine fing sie ihr Architekturstudium an der TU Wien an. Dort lernte sie ein paar RussInnen kennen und schlug ihnen vor, gemeinsam mit ihr von der Donau auf den Hermannskogel zu wandern. Diese Idee fand mehr als fünf AnhängerInnen, das nächste Mal gingen bereits mehr als 15 Personen mit. Als Anastasiia erkannte, dass ihre Idee nicht nur viele russische und ukrainische, sondern auch tschechische, slowakische, slowenische und österreichische Interessenten hatte, gründete sie eine Facebook Gruppe.

„Die Gruppe lebt ihr eigenes Leben“

Heutzutage hat die Wiener Wander-Gruppe 2.579 Abonnenten und lebt laut Schneider ihr eigenes Leben. Wenn irgendwer in den kommenden Wochenenden wandern gehen will, schreibt er einen kurzen Beitrag mit dem Vorschlag auf der Seite und plant gemeinsam mit den anderen die Route. Meistens besteht die Gruppe aus 10-20 Personen und die Touren werden rund um Wien und Niederösterreich organisiert. Damit mehr Menschen kommen, muss der Ausflug mehr als einen Monat im Voraus annonciert und geplant werden. Die durchschnittliche Dauer des Ausflugs beträgt ein bis zwei Tage. Der Treffpunkt ist immer Wien Hauptbahnhof, wo ein „Einfach-Raus-Ticket“ für jeweils fünf Personen gekauft wird.

Titel „Ausflug zum Schneeberg, 2014“, Wiener Wandern-Gruppe © Németh Szilvia‎

Die Ausflugsgruppen bestehen meist überwiegend aus Russen, aber auch deutschsprachige Wanderlustige lassen sich darunter finden. Vor allem für diejenigen, die erst vor kurzem nach Österreich gezogen sind, ist es eine gute Möglichkeit und große Hilfe, neue Menschen und die für sie fremde Kultur kennenzulernen.