„Vielleicht muss man den Film gar nicht verstehen“

Tiere“, der Mysterythriller des schweizerisch-polnischen Regisseurs Greg Zglinski, feierte am 30. Oktober 2017 im Rahmen der Viennale seine Österreichpremiere im Wiener Gartenbaukino. Doch schon lange davor geisterte der Film durch die Medien. Auch am Premierenabend sorgte er für Diskussionen unter den Zusehern.

Schon der Trailer verspricht einen außergewöhnlichen Film, obwohl die Handlung zunächst ziemlich gewöhnlich wirkt: Eine Frau. Ein Mann. Mitten in einer Beziehungskrise. Sie beschließen, ihre Ehe mit einem Urlaub in den Schweizer Bergen zu retten. Auf dem Weg dorthin überfahren sie ein Schaf, das stellt allerdings nur den Auftakt einer Serie unangenehmer Begegnungen mit Tieren dar.

Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen

Bevor der Film an jenem Abend zum ersten Mal in Österreich gezeigt wird, herrscht Chaos vor dem Kinosaal. Hunderte Menschen sind gekommen und jeder möchte schnellstmöglich einen der 736 Plätze ergattern. Endlich beginnt „Tiere“, das Publikum blickt gespannt auf die Leinwand. Dass es sich hier um keinen normalen Film handelt, merkt man schon nach wenigen Minuten. Düstere Atmosphäre ab der ersten Szene, die virtuose Filmmusik trägt dazu einen wesentlichen Teil bei. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Man fragt sich, was ist wirklich und was nur Fantasie? Und vor allem: Wessen Fantasie?

Das gut gefüllte Gartenbaukino vor Beginn der Vorführung. © Lena Müllner

Ein lustiger Film?

Das Paar fährt bei Tag in einen Tunnel hinein, kommt aber wieder raus, als es stockdunkel ist. Erstes unsicheres Kichern im Publikum. An sich keine lustige Szene, eher unheimlich, aber genauso werden die Zuseher auch auf die kommenden eigenartigen Szenen des Films reagieren. Besonders die Schlüsselszene des Films, als das Paar ein Schaf überfährt, wird mit schallendem Gelächter goutiert. An manchen Stellen, da kann man den Lachenden Recht geben, ist der Film wirklich absurd. Zum Beispiel gibt es da eine Katze, die französisch spricht und der Frau mitteilt, dass sie ihren Mann töten muss. Je weiter der Film fortschreitet, desto ruhiger wird das Publikum. Das Ende kommt doch ziemlich überraschend. Jetzt lacht niemand mehr. In der vorderen Sitzreihe sagt jemand: „Wow, ich habe Gänsehaut.“ Schade nur, dass es nicht das ist, was die meisten Zuschauer von diesem Abend in Erinnerung behalten werden.

Regisseur Zglinski am Premierenabend im Gespräch mit dem Publikum.
© Robert Newald

„Man kann so etwas auf der logischen Ebene nicht verstehen“

Schon lange vor seiner Österreichpremiere im Wiener Gartenbaukino sorgte der Film „Tiere“ für Furore. Zum einen war da seine Entstehungsgeschichte: Nachdem Jörg Kalt, der Autor des Drehbuches, vor zehn Jahren Selbstmord begangen hatte, übernahm Regisseur Greg Zglinski die Verfilmung. Er hatte das Drehbuch noch zu Lebzeiten Kalts gelesen und war derart fasziniert davon, dass es ihn jahrelang verfolgte. Allerdings gab es dabei ein Problem: Zglinski verstand das Drehbuch laut eigener Aussage zunächst nicht. Aber wie kann man eine Geschichte auf die Leinwand bringen, die man nicht versteht? Der Regisseur relativiert seine Aussage im Anschluss an die Filmvorführung, man könne den Plot gar nicht auf der logischen Ebene verstehen, sondern nur auf der emotionalen und der metaphysischen. Damit scheint er nicht allein zu sein, auch Hauptdarsteller Philipp Hochmair konnte zunächst wenig damit anfangen, was er aber nicht als Nachteil sah, wie er im Bühnengespräch erzählt. Zglinski vergleicht den Film mit einem Traum, bei dem man kurz nach dem Aufwachen nicht sicher ist, ob er wirklich passiert ist oder eben nicht.
Er wird schließlich auch gefragt, ob das Publikum bei früheren Vorführungen ähnlich reagiert hätte. „Ja“, antwortet er mit einem unsicheren Lächeln. Jeder könne doch aus dem Film machen, was er wolle, und jeder würde die Handlung subjektiv anders bewerten, da seien auch Lacher erlaubt. Außerdem müsse man den Film gar nicht verstehen, um Gefallen daran zu finden.

„Da muss man einmal dabei gewesen sein“

Vor dem Kinoausgang stehen Premierenbesucher und diskutieren über den Inhalt des Films. Eine Frau sagt, der Inhalt sei doch äußerst eigenartig, irgendwie absurd und mache einen ratlos, trotzdem sei so eine Filmpremiere etwas ganz Besonderes, da müsse man einmal im Leben dabei gewesen sein. Außerdem wäre die ganze österreichische Prominenz vor Ort gewesen. „Sogar der Herr Minister Drozda war da und Michael Haneke, der Oscargewinner, ist direkt hinter uns gesessen!“, bemerkt eine andere Frau. Hauptdarsteller Philipp Hochmair steht auch vor dem Ausgang. Er spricht mit den Menschen, posiert für einige Selfies mit jungen Zuschauerinnen. Er sieht glücklich aus. Gerade weil der Film gemischte Reaktionen hervorruft und die Menschen zum Diskutieren anregt, ist er für ihn ein voller Erfolg, wie er später in einem Interview sagen wird.

Titelbild: © Robert Newald