Utopie und Korrektur

Mit dem Schwerpunkt 100 Jahre Russische Revolution fährt das Österreichische Filmmuseum (ÖFM) auch diesmal wieder schwere Geschütze auf. In der Filmreihe „Utopie und Korrektur“ gibt es diesen Oktober und November einen fundierten Einblick in die Abläufe, Abbildung und Bearbeitung der politischen Umstürze in Russland vor genau 100 Jahren.

Ein Ereignis, dessen Auswirkungen bis in unsere heutige Moderne reichen. Grenzen wurden gezogen, ausradiert und neubestimmt, Völker sind verschmolzen, haben sich wieder getrennt und neu arrangiert und nicht zuletzt wurde hier die historische Grundlage des Russlands geschaffen, das wir heute kennen: ein globaler Akteur im Zwiespalt zwischen Moderne und Tradition, Religion und Pragmatismus,  Nationalstaat und Kolonialstaat, Osten und Westen.

Gezeigt werden Filme aus den 20er – und 30er-Jahren, sowie aus der sogenannten „Tauwetter“-Periode die auf Stalins Tod folgte. Dabei werden die Filme immer in Paaren gezeigt, ein Film zeigt dabei immer die utopischen Ideen der Zeit und ein zweiter dessen Korrektur im Lauf der Geschichte oder gar durch die Sovjetzensur selbst. So ist es auch dem halbdokumentarischen Film „Die Generallinie“ des Filmpioniers Sergej Eisenstein gegangen, in dem sich Bauern – im Sinne der anfänglichen Utopie – zu selbstverwalteten Kollektiven zusammenschließen. Unter Stalin wurde der Film dann in „Das Alte und das Neue“ umbenannt, das zeitgenössische Elend wurde zur Vergangenheit erklärt und der futuristische Sowchos zur neuen Realität. Letztlich wurde sogar die „korrigierte“ Variante verboten.

Es ist das erste Programm von Michael Loebenstein, der seit Oktober den ehemaligen Direktor Alexander Horwath ablöst. Zuvor hat er über mehrere Jahre die wissenschaftliche Abteilung des ÖFM mitaufgebaut. „Das Filmmuseum ist im besten Sinne Museum: Kein Ort beliebiger Zerstreuung, sondern eine wissenschaftliche Anstalt, die Grundsatzfragen zu Film und Kino als Kunst wie auch als Kulturtechnik und Zeitzeugnis erforscht, diskutiert, ausstellt und publiziert. Und das alles mit einer Leidenschaft und Neugier, die sich hoffentlich auf Sie alle überträgt. In diesem Sinne wird meine Direktion Bewährtes und Gutes, vor allem aber eine tief empfundene Ernsthaftigkeit und einen unprätentiösen Qualitätsanspruch fortführen. “ – Michael Loebenstein

Das 1965 von Peter Kubelka und Peter Konlechner gegründete Filmmuseum Österreich hilft uns dabei uns in der Zeit verorten zu können. Dazu benötigen wir – wie auch im Raum – Meilensteine und Anhaltspunkte. Wir stellen Grabsteine auf um den Verstorbenen zu Gedenken, wir stellen Statuen auf um die die Glorie vergangener Tage zu würdigen und wir drehen Filme um das Wahrgenommene festzuhalten und zu kommentieren. Im schlimmsten Fall gerät ein Ereignis ganz einfach in Vergessenheit, was uns dazu verdammt es geschichtlich wieder erleben zu müssen, bis wir es dann festhalten und uns so zugänglich machen können. Seit seiner Entstehung zeigt und archiviert und beforscht die Cinémathèque filmgeschichtliche Dokumente in zyklischen Retrospektiven und aktuellen Schwerpunkten. Dabei schafft es immer wieder den wissenschaftlichen Anspruch zu halten ohne langweilig zu werden. Durch die hervorragende Zusammenstellung belebt es Vergangenes und macht es in einer modernen Einbettung verständlich.

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