Ein Extremismusexperte inmitten von jüdischem Folklore

Im Rahmen des Klezmore-Festivals sprach Extremismus-Experte und freier Journalist Thomas Rammerstorfer am Freitag im Zentrum im Werd über die Entwicklung extremistische Gruppierungen und stellte Vermutungen über den zukünftigen Einfluss der neu gewählten Koalition auf die österreichische Extremismus- und Kulturszene an.

Schwarz-Blau und die Kunst
Obwohl das Klezmore-Festival jüdische Musik, Sprache und Literatur repräsentiert also die schönen Seiten der jüdischen Geschichte feiert, stand heuer ein Vortrag zu Extremismus im Vorprogramm. Ein Event das sich zwangsweise mit dem wohl grauenhaftesten Zeitabschnitt des Judentums beschäftigt. Aber auch eine Veranstaltung die es schafft Kultur und Politik zu verknüpfen, etwas, das laut des Extremismusexperten, in unserer entpolitisierten Kulturszene nur noch selten passiert. Vor allem gegen Rechtsextremismus und Rassismus gebe es in Österreich jetzt schon zu wenig Initiativen. Mit der frisch gebildeten Koalition steht nun die Frage im Raum, wie sich diese neue Machtverteilung auf Kulturförderungen und im weitesten Sinn auf die Repräsentation von Minderheiten in Österreich auswirken wird.

 

Das Klezmore Festival präsentiert jüdische Musiker, Bands und Lyriker (c) Klezmore Festival

 

Beispiel Oberösterreich
Herr Rammerstorfer kann hierzu zurzeit Voraussagen, aufgrund der aktuellen Situation in seinem Bundesland geben. In Oberösterreich, wo schon eine blau-schwarze Regierung herrscht, wurde bereits beschlossen zehn Prozent aller Kulturförderungen zu streichen. Dies legt subventionsabhängigen Vereinen gewaltige Steine in den Weg. Auf das ganze Land umgemünzt, sagt der Experte eine eventuelle Umschichtung der Kulturszene in rechts-konservative Richtung voraus. Der Festivalgründer und Veranstalter Friedl Preisl meint dazu nur lachend: „Besser wird’s sicher nicht. Aber wenn das Publikum der Hauptsponsor ist, braucht man keine Kulturförderung.“

Friedl Preisl hat das Klezmore Festival gegründet und veranstaltet es heuer zum 14. Mal (c) Prinz, SCHNAPPEN.AT

Rammerstorfer denkt, es wird nicht mit direkten Eingriffen, also Zensur, sondern mehr mit Subventionskürzungen auf der einen und Förderungen auf der anderen Seite gearbeitet werden. Veränderungen, die in einer so kulturüberfluteten Großstadt wie Wien stark zu spüren wären.

 

Die Bewegung des Extremismus
Nicht nur im Bereich Kultur könnte sich aufgrund des Wahlergebnisses einiges umgestalten. Auch der Wiener Extremismusszene steht ein Wandel bevor. Wien als Groß- und Hauptstadt, bietet einen Sammelpunkt für jegliche extremistische Gruppierungen. Einen sogenannter Schmelztiegel. Man kann hier von Extremismus heimischer, beispielsweise die Identitären oder salafistische Gruppierungen, wie den grauen Wölfen, sprechen. Doch jede Kraft besitzt auch eine Gegenkraft. So haben sich in den letzten Jahren reichlich Gegenbewegungen – vor allem zum rechten Extremismus – gebildet. Das aktuell bekannteste Beispiel hierfür stellt die Organisation der geplanten Großdemonstration, gegen die Angelobung der FPÖ in die Regierung, namens Tag X da. Rechtsextremismus fungiert also immer noch als Motivation, politisch aktiv zu werden. Ein besonderes Phänomen sieht der Experte im „Wiener Patriotismus“. In der Hauptstadt fühlen sich Migrantinnen im Gegensatz zu anderen Regionen, unglaublich schnell der Stadt angehörig. Erhalten ebenso von WienerInnen aber auch schneller und vermehrt Unterstützung und Solidarität.

Keine Wiederholung von 2000
Zusammenfassend, meint Herr Rammerstorfer, kann eine gemeinschaftliche Stärke gegen den steigenden Rechtsextremismus in der Politik, sowie im Land, im Ausmaß von der im Jahr 2000 aber nicht erreicht werden. Das sei auf veränderte Konditionen auf beiden Seiten zurückzuführen. Bei den Demonstranten fehle es unter anderem an gewerkschaftlicher Unterstützung. Auch beschreibt er den Rückgang der Frauen- und Umweltaktivistinnen, seit dem letzten großen Protestaufkommen. Die schwarz-blaue Koalition gehe diese Mal wiederum durchdachter, geplanter und bessere aufeinander abgestimmt vor. Sowohl die ÖVP als auch die FPÖ seien dem jeweils anderen mehr entgegengekommen. Es herrschten also andere Verhältnisse als bei dem, laut Rammerstorfer, „relativ kurzen Kreuzug“ der schwarz-blauen Koalition von 1999.

 

Thomas Rammerstorfer hält Vorträge zum Thema Extremismus und ist zusätzlich als freier Journalist tätig (c) SOS Menschenrechte