„Das Elend bekommt endlich ein Gesicht.“

Preisgekrönt und unzensiert: Die Wanderausstellung „World Press Photo“ findet 2017 zum sechszehnten Mal in Wien statt. Auf dem diesjährigen Gewinnerfoto: ein ermordeter Botschafter. Es ist nicht das einzige kontroverse Bild, das diesen Herbst an den Wänden des Wiener WestLicht-Museums zu sehen ist. 

Jährlich werden Langzeitfotoprojekte, Reportagen und professionelle Einzelfotos aus aller Welt in den Räumen des WestLicht-Museums im 7. Bezirk ausgestellt. Die 45 besten Pressefotografien gibt es dort noch bis zum 22. Oktober zu besichtigen, dann wird die Fotosammlung an das nächste Museum weitergereicht. Die Ausstellung kann man in insgesamt 100 Städten besuchen.

Das Attentat-Foto überzeugt

Über 80.000 Einreichungen aus 125 Ländern: in diesem Jahr konkurrierten rund 5000 Fotografen um den 1. Platz. Der türkische Fotojournalist Burhan Ozbilici entschied mit seiner Fotoserie den Wettbewerb letztendlich für sich. Für sein umstrittenes Attentat-Foto erhielt er ein Preisgeld in Höhe von 10.000 Euro. Die Jury bezeichnete das Foto als „explosiv“, es gäbe dem Hass dieser Welt ein Gesicht.

Die Geschichte hinter dem Gewinnerfoto

Ozbilici sollte im Dezember 2016 einer Kunstausstellung in der türkischen Hauptstadt Ankara beiwohnen und wurde stattdessen Zeuge eines Attentats. Er hielt die Szenen auf teilweise unscharfen Bildern fest.

Das preisgekrönte Foto zeigt den Attentäter Mevlüt Mert Altıntaş mit zum Triumph erhobener Hand. Im Hintergrund liegt die Leiche des russischen Botschafters Andrej Karlow, der in der türkischen Kunstgalerie eine Rede hätte halten sollen. Der ehemalige Polizist Altıntaş erschoss Karlow während seiner Ansprache und schrie mehrmals auf Türkisch: „Vergesst Aleppo nicht. Vergesst Syrien nicht.“ Kurz darauf töteten ihn Sicherheitsbeamte.

Title: “An Assassination in Turkey”, The Associated Press © Burhan Ozbilici

Kontrovers und breit gefächert

Über die moralische Vertretbarkeit des Gewinnerfotos scheiden sich die Geister, die Ausstellung ist seit jeher für ihre polarisierenden Fotos bekannt. Sie seien bedrückend, schockierend und schwer verdaulich – so die Reaktionen einiger Ausstellungsbesucher. „Das Elend bekommt endlich ein Gesicht.“, beschreibt ein 75-Jähriger die Ausstellung und deutet hinter sich auf das Foto eines weinenden Flüchtlingsjungen.

Wo im Vorjahr noch der Fokus auf der Flüchtlingsthematik lag, ist die Themenauswahl nun breiter gefächert. Ob Tier- oder Naturaufnahmen, der Syrienkrieg, blutdurchtränkte Wohnungen nach Drogenrazzien der philippinischen Polizei oder Sportler  – an den Wänden ist dieses Jahr eine Vielzahl an unterschiedlichen Schwerpunkten und Fotografien vertreten. Aber auch der Ukraine-Konflikt, der in den Medien kaum mehr Beachtung findet, wird in dieser Ausstellung in den Mittelpunkt gerückt.

WestLicht-Museum, World Press Photo Ausstellung 2017, Fotos von Drogenrazzien in den Philippinen © Salma Imara

Einen Besuch wert

Besucher aus der ganzen Welt stehen mitunter minutenlang schweigend vor Fotoserien. „Die Bilder sind dieses Jahr irgendwie besonders deprimierend.“, sagt ein Student, der World Press Photo seit Jahren mitverfolgt. Dennoch waren sich alle Befragten einig: Diese Ausstellung sei relevant und müsse gesehen werden. Sie zeige einen Teil der Welt auf, der selten im Alltag zur Sprache komme, einen Teil der Welt, der sonst totgeschwiegen werden würde.

Es ist eine Ausstellung, die einen Nerv trifft. Sie lässt ihre Besucher nicht unberührt, sie regt zum Nachdenken an und lässt innehalten. Eine aufgewühlte Besucherin überlegt lange, bevor sie schließlich ihre Eindrücke schildert: „Very interesting. But at one part, I just stopped. It is… too much.”