Abseits vom Mainstream – das Erfolgsrezept des Weihnachtsmarkts am Spittelberg

Wenn man in der Adventszeit in die Spittelberggasse einbiegt, wird man nicht nur vom typischen Glühwein-Geruch von Zimt, Nelken und Orangen umhüllt. Nach ein paar Schritten auf dem alten Backsteinpflaster duftet es nach orientalischen Backwaren, heißem Käse und Maroni. Glühwein- und Feinkoststände säumen die schmale Gasse auf beiden Seiten. Filigraner Schmuck, bunte Mützen und aufwendig verzierte Trommeln regen zum genaueren Hinschauen an. Der Weihnachtsmarkt am Spittelberg erzeugt ein romantisches, beinahe heimeliges Gefühl – so richtig weihnachtlich eben.

Atmosphäre pur
Die Gassen am Markt werden von eleganten, aber schlichten Fassaden im Biedermeier-Stil umrahmt und lassen den Besucher beim Flanieren in eine andere Zeit eintauchen. Die hohen Häuser schotten den Markt von der Außenwelt ab und geben ein behagliches Gefühl von Geborgenheit. So empfindet auch eine junge Besucherin: „Ich finde den Weihnachtsmarkt am Spittelberg den schönsten in Wien. Besonders gefällt mir die Atmosphäre, also das Feeling, das man in den Gassen hat.“

Besucher schlendern durch die Gassen am Markt. Foto © Lind

Der Adventmarkt am Spittelberg zieht jährlich bis zu 500.000 Besucher an. Alleine die Veranstalter können einen Umsatz von ca. 350.000€ lukrieren und auch die Standler verbuchen Gewinne. 146 Stände machen den Weihnachtsmarkt zum zweitgrößten in Wien. Trotzdem haben viele Besucher das Gefühl, sie würden auf einem „kleineren“ und „familiären“ Markt ihren Glühwein genießen. Das liegt vor allem am Standort. Die Besucher zerstreuen sich in den Gassen auf dem ganzen Markt. In Wien ist es der einzige Weihnachtsmarkt in einem dicht besiedelten Stadtteil. Bewohner, aber auch Wirte haben am Spittelberg ihr Zuhause gefunden, wodurch die Besucher auch nach Sperrstunde ein Getränk in den Lokalen genießen können. Dieses Miteinander von Besuchern, Anwohnern, Standlern und Wirten gibt dem Markt etwas Lebendiges und Einzigartiges.

Von Bergkäse aus dem Bregenzerwald bis zu handgemachten Unikat-Dessous aus Berlin
Wie Karl Lind, Mitglied beim Kulturverein Forum Spittelberg, erklärt, legt das Organisationsteam bei der Standauswahl großen Wert auf Vielfalt. Beim Kunsthandwerk vertrauen die Organisatoren auf Selbstgemachtes. Industriell gefertigte Erzeugnisse gibt es kaum: Handgemachte Unterwäsche aus Berlin, Räucherwaren aus den Regenwäldern Südamerikas und Schmuckdesign aus Wien haben es letztes Jahr auf den Markt geschafft. Karl Lind und sein Team setzen auf originelle Produkte, wie ausgefallene Weihnachtspullover mit witzigen Aufdrucken.

Die Gastronomie legt seit geraumer Zeit Wert auf biologisch produzierte Produkte. Das Angebot ist international –  es gibt Pasta aus Italien, orientalisches Gebäck oder Baumkuchen aus Ungarn. Die Gutenberggasse gilt als kulinarische Meile am Spittelberg. Dort finden sich regionale Spezialitäten, wie Käse aus dem Bregenzerwald oder Chutney aus dem Waldviertel. Die Besucher wissen das zu schätzen. Mehrere Schülerinnen aus Graz, die zum ersten Mal am Markt sind, meinen: „Man findet einzigartige Geschenke und unterstützt lokales Handwerk!“ Auch Ständebetreiber, wie die Mützen-Verkäuferin von „Pushin Fair Trade“, sind gerne am Spittelberg: „Man trifft auf sympathische Menschen und findet viele Familienbetriebe und Künstler.“ Die Angestellten von „Gehsteig“ verkaufen ihre frischen Panzerotti dieses Jahr zum ersten Mal – auch privat sind sie begeisterte Spittelberg-Besucher. Die Aussteller genießen das alternative Flair am Markt und sind mit der Organisation zufrieden: „Es gibt hier vergleichsweise günstige Standpreise, dadurch rentiert es sich für uns.“

Doch wunschlos glücklich sind die Gäste am Spittelberg nicht: Es mangelt an ausreichend Sitzmöglichkeiten und Überdachungen. „Gerade wenn es regnet oder schneit ist der Markt nicht so gemütlich“, meint eine Standbetreiberin und erklärt sich damit die niedrigen Besucherzahlen an Regentagen. Eine Gruppe von Touristen, die unter einem Schirm Schutz vor dem Regen gesucht hat, würde ihren Glühwein nächstes Jahr lieber sitzend trinken.

Die weihnachtliche Beleuchtung der Bäume am Spittelberg wirft blaue Schatten auf die biedermeierlichen Häuserfassaden. Foto © Lind

Familien willkommen
Der Markt zeigt sich durch kostenloses Kinderprogramm familienfreundlich. Beim Puppentheater, Kerzenziehen oder Trommelworkshop kommen auch die Kleinsten in vorweihnachtliche Stimmung. Die Workshops werden großteils von den Ständebetreibern organisiert und veranstaltet.

Keine Angst vor Terroranschlägen
Beim Thema Sicherheit zieht der Weihnachtsmarkt am Spittelberg nicht mit den restlichen Märkten mit. Bis auf schwere Betonpflöcke am Eingang der Stiftgasse gibt es keine Sicherheitsvorkehrungen am Markt. Laut der Sicherheitsdirektion Wien ist dieser Eingang der einzige, bei dem man mit Beschleunigung in den Weihnachtsmarkt fahren könnte. Karl Lind aus dem Organisationsteam meint, strengere Sicherheitsmaßnahmen wie Securities „schüren nur die Angst in den Hirnen der Menschen“.

Plattformen wie Falstaff kürten den Weihnachtsmarkt am Spittelberg 2017 zum schönsten Adventmarkt in Wien, die Webseite Skyscanner zum schönsten in ganz Europa. Der Markt am Spittelberg ist anders – die besondere Lage und das spezielle Angebot machen ihn so erfolgreich. In Bereichen wie der Sicherheit oder der Anzahl an Überdachungen hat er allerdings noch Aufholbedarf. Die Standler und Besucher sind ungeachtet dessen begeistert und so wird der Weihnachtsmarkt am Spittelberg wahrscheinlich auch 2018 einer der beliebtesten Adventmärkte in Wien bleiben.