Verzerrung der Natur: Idylle oder Tatort?

Die Natur hat mit unserer Geschichte auf den ersten Blick vielleicht nicht allzu viel gemeinsam. Das Wiener „mumok“ beweist dem Publikum mit der Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“ jedoch das genaue Gegenteil: Mit verschiedensten Kunstwerken aus aller Welt, wird gezeigt, wie Natur auch Geschichte ist.

Es scheint, als ob das „mumok“ zu einem Gewächshaus umfunktioniert worden wäre. Umgeben von dutzenden Pflanzen bestaunen die Museumsgäste die Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“. Sogar Vögel zwitschern. Eine idyllische Kulisse, hinter der sich weit mehr verbirgt als im ersten Moment vermutet wird: Hier werden Kolonialismus, Völkermord und Flucht in Verbindung zur Natur gesetzt.

So zeigt beispielsweise der deutsche Künstler Christian Kosmas Mayer mit Hilfe von kleinen Pflanzenkeimen wie Nationalsozialismus und Natur eng miteinander verbunden sind: Er machte sich auf die Suche nach einer Eiche, deren Geschichte 1936 bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin beginnt. Damals diente der Baum als Propagandawerkzeug der Nationalsozialisten. Jedem Goldmedaillengewinner, wurde eine kleine „Olympia Eiche“ – im Englischen „Hitler’s tree“ – überreicht. Die Verbreitung der Eiche sollte die nationalsozialistische Ideologie in die Welt hinaustragen.

Auch der afroamerikanische Stabhochspringer Cornelius Johnson erhielt eine „Hitler Eiche“, nachdem er die Olympischen Spiele gewann. Eine Siegerehrung blieb ihm jedoch verwehrt. Adolf Hitler, der alle Gewinner in seiner Ehrenloge empfangen sollte, verließ das Stadium frühzeitig, um dem Afroamerikaner nicht die Hand schütteln zu müssen. Als Johnson wieder nach Amerika zurückkehrte, pflanzte er die Eiche im Hinterhof seines Hauses in Korea Town, Los Angeles.

Dort spürte Christian Kosmas Mayer die „Hitler-Eiche“ auf. Mayer führte Sprösslinge des Baums zurück nach Europa und arrangierte sie zu Kunst. Er beschreibt, wie die Geschichte der Eiche durch die kleinen Keime am Leben gehalten wird. Weiters erklärt Kurator Rainer Fuchs im Interview: „Die Geschichte wird aber auch wachgehalten durch die aktuelle politische Entwicklung […], durch die Migrationsströme, durch die Konfliktherde auf der Welt.“

Die Sprossen leben in ihrem eigenen kleinen Wartehäuschen. Christian Kosmas Mayer: „The Life Story of Cornelius Johnson’s Olympic Oak and Other Matters of Survival“ © mumok / Klaus Pichler

Hinter der Fassade

Die österreichische Fotografin Margherita Spiluttini zeigt durch einen nüchternen Blick hinter die Fassade, wie die Idylle der Ferne – heute wie damals – mit ökonomischen Gewinn verbunden ist. Mit Fotografien von exotischen Kulissenmalereien des 18. Jahrhunderts beleuchtet sie die Aspekte der kolonialen Geschichte und deren Folgen bis in die Gegenwart.

Die Kulissenmalereien des 18. Jahrhunderts © Margherita Spiluttini Gartenpavillon Stift Melk, Fresko von Johann Wenzel Bergl, 2008

In der Barockzeit sollen diese Fantasieszenen die Betrachter in das scheinbar friedliche Paradies hineinziehen und zur Flucht aus der Wirklichkeit verleiten. Die harte Geschichte dieser Kulisse bleibt jedoch hinter den Malereien versteckt. Die fremden Länder wurden nicht nur der Forschung wegen bereist. Die Bewohner wurden versklavt, die Territorien ausgebeutet.

Auch im 21. Jahrhundert geht die Erkundung und Bereisung unbekannter Welten Hand in Hand mit gewinnorientierten Absichten: durch den Tourismus erlebt „die Fremde“ eine neue Bedeutung und ist dadurch wieder eine Art der Flucht aus der Wirklichkeit in eine vorgegaukelte Idylle. Margherita Spiluttini enthüllt den Schwindel des harmonischen Paradises und zeigt mit ihren Fotografien, wie Geschichte romantisierend übermalt wurde.

 Leerstelle, Auslöschung oder Verdeckung? 

Nach Geschichtsverklärung und Romantisierung der Natur steht den ausgestellten Künstlern und Künstlerinnen auf jeden Fall nicht der Sinn. Die Ausstellung zeigt den Besuchern des „mumok“ gekonnt, wie viel in der Natur verborgen bleibt und wie die idyllischsten Landschaften von dunkler Geschichte durchtränkt sein können.

Idyllische Natur – harte Geschichte. Tatiana Lecomte: Der Teich, 2005 © Bildrecht Wien, 2017

Die französische Künstlerin Tatiana Lecomte zeigt im obigen Bild einen Teich in Auschwitz-Birkenau. Eine Szenerie, die harmonisch scheint und doch von Verbrechen gegen die Menschheit durchzogen ist. Noch bevor sie ihre Fotografien vergrößerte, schnitt sie einen Teil des Bildes heraus und löschte damit die Betonpfeiler der ehemaligen Konzentrationslagerumzäunung aus dem Bild. Damit machte sie den Ort unerkennbar. Der schwarze Balken umschreibt die nicht sichtbare und dennoch omnipräsente Geschichte dieses Ortes.

Protest gegen altmodische Vorstellungen

Kurator Rainer Fuchs erklärt im Interview, dass die Ausstellung aus einer „oppositionellen Haltung zu bestimmten Vorstellungen von Natur und Geschichte“ entstanden sei. Die Präsentation richtet sich gegen konservative Sichtweisen wie den naturalisierten Geschichtsbegriff – die Idee, dass die Geschichte einen natürlichen Verlauf hat, der durch höhere Mächte geleitet wird. Aber auch die Vorstellung, dass Natur jenseits der Geschichte existiert, wird kritisiert. Die Ausstellung schafft es, diesen konservativen Ansichten zu trotzen und beweist damit, dass Natur und Geschichte untrennbar ineinander verstrickt sind.

Die Kunstwerke der Ausstellung „Naturgeschichten. Spuren des Politischen“ können noch bis zum 14. Januar 2018 im „mumok“ betrachtet werden.

Das „mumok“ ermöglicht Museumsbesuche im Grünen. Ausstellungsansicht © mumok / Klaus Pichler

Titelbild: Stan Douglas, Still from Nu.tka., 1996
Courtesy the artist and David Zwirner, New York