Allerseelen am Friedhof der Namenlosen

Ein Blumenkranz wird auf ein Grab gelegt, das Messingkreuz ist mit „Namenlos“ beschriftet. Inmitten des Industriegebiets am Albernen Hafen herrscht reger Besuch, das Stück Grün hinter dem Donaudamm birgt für viele Menschen am Feiertag etwas Tröstliches. Auch, wenn das hier die letzte Ruhestätte unbekannter Selbstmörder und Wasserleichen aus vergangen Zeiten ist.

Anfang November werden auf den Wiener Friedhöfen an Allerseelen  die dort Begrabenen von ihren Angehörigen besucht. Einige Menschen, die bloß vermuten, Verwandte von ihnen hier begraben zu wissen, kommen auf den Friedhof der Namenlosen. Aber auch SpaziergängerInnen und AnrainerInnen finden ihren Weg zu der kleine Kappelle, die heute einen Gottesdienst veranstaltet. Zwischen Hafen und Auwald liegt das Areal, auf dem sich 102 Gräber befinden. Die Hälfte der Bestatteten sind bis heute Unbekannte.

Das Grab einer Person, die nicht identifiziert werden konnte ©Elena Zeh

Durch einen Wasserstrudel in der Donau wurden Leichen immer wieder im Bereich des Albernen Hafens angeschwemmt. Fischer und Jäger des Bezirks schufen schlichte Gräber, aus Respekt vor den Verstorbenen.
1940 übernimmt jedoch die Gemeinde Wien die Bergung aus der Donau und das letzte Begräbnis am Friedhof der Namenlosen findet statt.
Josef Fuchs betreut die Instandhaltung des Grundstücks bereits in dritter Generation ehrenamtlich, sein Großvater war zu Lebenszeiten bei den Bestattungen vieler der Leichname dabei.
„Als Kinder haben wir große Ohren gemacht, wenn er Schauergeschichten von Früher erzählt hat.“

Albern’s ghost buster 

Aber auch heute noch tragen sich Gruselgeschichten in Albern zu.
Besonders an Halloween, das 2 Tage vor Allerseelen stattfindet, zieht der „spooky“ Charakter des Friedhofs wundersame BesucherInnen an. „Wir haben fast täglich Geisterjäger, die nach Übernatürlichem suchen“, erzählt der Friedhofswärter Fuchs.
Geheimnisvolle Schatten sollen auf Fotos sichtbar sein – die Geister der Verstorbenen?
Etwas mysteriöses hätte Josef Fuchs selbst noch nie am Gelände bemerkt – der Friedhof sei aber öffentlich und für jede und jeden zugänglich – er „lasse den Leuten also ihren Spaß.“ Angebliche Schnappschüsse von Übernatürlichem und Geister-Fang-Geräte inbegriffen. Wer also einmal live einer „Ghost-Busters-Aktion“ beiwohnen möchte, muss sich bloß trauen eine Nacht am Albernen Hafen zu verbringen.

Schlichte Gräber am Friedhof der Namenlosen © Elena Zeh
Wiens Solidarität zu den Namenlosen

Um jedes Jahr den Ertrunken oder denjenigen, die ihrem Leben selbst ein Ende in der  Donau setzten zu gedenken, veranstaltet die Gemeinschaft rund um den Friedhof, am Sonntag nach Allerseelen eine öffentliche Feier, der jede und jeder beiwohnen kann.

Ein Sarg-ähnlicher Blumenkranz wird unter Salutschüssen auf die Donau gelegt und treibt Stromabwärts.
„Auch wenn viele dieser Menschen freiwillig den Tod suchten, soll ihnen heute noch Respekt entgegengebracht werden.“, so Josef Fuchs.

Die BewohnerInnen des Bezirk Albern zeigen seit Entstehung des Friedhofs der Namenlosen – und auch nach dessen offizieller Schließung – Verbundenheit mit diesem speziellen Ort. Die Särge, wurden damals vom ansässigen Tischler gespendet. Die Blumenkränze, die zu den Feiertagen auf die Gräber gelegt werden, stammen seit jeher aus einer Floristenschule der Umgebung.
Kaum gibt es Tage, an dem die Kerzen auf den Gräbern nicht von AnrainerInnen angezündet werden.
Auch als Friedhofs-TouristIn lohnt es sich, dem Friedhof der Namenlosen einen Besuch abzustatten – nicht nur an Halloween.

An den Feiertagen Anfang November herrscht reger Besuch am Friedhof der Namenlosen © creative comons

https://friedhof-der-namenlosen.at/