Theater auf Twitter – ganz ohne Trump

Das „Schauspielhaus Wien“ wagt sich mit der Seestadt-Saga in neue Gefilde: Bis 12. November 2017 kann man die „erste Social-Media-Serie der Welt“ mitverfolgen, online und im Stadterweiterungsgebiet. Im Zentrum steht eine verschwundene Frau. Dahinter steckt jede Menge Aufwand und ein Hauch von Revolution.

Wer träumt nicht davon, bei einer ewig langen Theatervorstellung auf die Bühne zu springen und die Szene aufzulösen? Oder mit der Lieblingsfigur einmal real einen Nachmittag zu verbringen? All das ist jetzt möglich. Allerdings nicht nur für ein paar Stunden, sondern für dreieinhalb Wochen. Und außerdem in Wiens größtem Stadtentwicklungsgebiet oder am eigenen Smartphone anstelle eines klassischen Theatersaals.

Pionierprojekt

In der Seestadt, zwischen modern anmutenden Glas- und Betonbauten, realisiert das „Schauspielhaus“die laut eigenen Angaben „erste begehbare Social-Media-Serie der Welt“. Soll heißen: Mit der „Seestadt-Saga“ besteht für das Publikum erstmals die Möglichkeit, die Handlung eines Stücks über die Online-Profile der Figuren auf Facebook, Twitter oder Instagram zu verfolgen.

 

Mutter-Tochter-Gespräch: Sowohl „Kathi Kath“ als auch „Vera Schindegger“ sind Figuren der Seestadt-Saga. Das Publikum erlebt die Handlung nicht auf einer Theaterbühne, sondern über Beiträge und Kommentare auf Social Media. Hier: Vera postet ein Bild, auf dem sie die Hose ihrer Tochter trägt. © Schauspielhaus Wien

 

Doch gleichzeitig gibt es auch Events vor Ort, bei denen die Zuseher mit den Charakteren in Kontakt treten und damit die Storyline mitverändern können: Sei es die Geburtstagsfeier einer jungen Seestädterin, die Umzugsaktion einer Familie oder die Gründungsfeier einer bezirkseigenen Liste – Interessierte tauchen bei online vorab bekanntgegebenen Veranstaltungen in das Stück ein und können mit den Figuren der Serie hautnah interagieren.

Grusel in schwarz-weiß

Ausgangspunkt der Geschichte ist Nora Kinski, eine (fiktive) Studentin der Filmakademie Wien, die für ein Projekt 24 Tage lang je eine Stunde in der Seestadt dreht und daraus eine Dokumentation über das Leben in dem am Reißbrett entworfenen Wohngebiet basteln möchte.

Nora Kinskis zweiter Tag in der Seestadt: Einmal täglich postet die erfundene Filmstudentin einen in schwarz-weiß gehaltenen Clip auf YouTube; immer filmt sie zu einer anderen Stunde im Stadterweiterungsgebiet. Anfangs geht es noch harmlos zu… © Schauspielhaus Wien

Doch schon bald beobachtet sie immer rätselhaftere Ereignisse: Merkwürdige Plakate, die das Bild einer Frau zeigen und um Informationen zu der abgebildeten Person bitten, hängen eines Tages plötzlich an jeder Ecke. Eine offizielle Vermisstenanzeige bei der Polizei liegt allerdings nicht vor. Als dann noch ein Turnschuh und eine blutverschmierte Jacke neben dem See gefunden werden und die Frau mitten in der Nacht in einem von Noras Videos zu sehen ist, nimmt die Serie endgültig thriller-ähnliche Züge an.

„Wer kann Angaben zu dieser Person machen?“ Die Frau auf dem Plakat entwickelt sich zur heimlichen Protagonistin der Serie. Wer und wo sie ist, weiß niemand. © Schauspielhaus Wien

 

Die Köpfe dahinter

Hinter dem Projekt steckt freilich ein „riesiger organisatorischer Aufwand“, wie Regisseur Tomas Schweigen bei einem Hintergrundgespräch für Interessierte im „Schauspielhaus“ erklärt: So ist jeweils ein Autor für eine Figur zuständig; das gesamte zwölf-köpfige Team trifft sich täglich zu zweistündigen Redaktionssitzungen, um die nächsten Handlungsschritte zu besprechen und alle Online-Beiträge zu koordinieren.

Die Autoren gießen dabei die schon im Sommer vorskizzierten Ereignisse in Ideen für Posts, die ihre Figuren dann in Echtzeit ausführen. Zusätzlich reagieren sie teilweise auf das Tagesgeschehen, indem sie ein Unwetter oder einen in der Seestadt tatsächlich erfolgten Einbruch in die Serie einbauen. „Damit verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion weiter“, so der Regisseur – die Seestadt-Saga thematisiere in gewisser Weise damit auch ein Problem unserer Zeit: Denn zwischen Fake News, Dirty Campaigning und Selbstinszenierung auf Social Media sei die Frage aktueller denn je, was „echt“ und glaubwürdig sei und was nicht.

„Keine Berieselung“

Über 2.000 IP-Zugriffe hat die eigens eingerichtete Website bereits registriert, Tendenz weiterhin stark steigend. Schweigen zeigt sich mit dem Publikumserfolg der Serie zufrieden und ist sich darüber im Klaren, „kein massentaugliches Projekt“ zu realisieren, da die Serie „keine Berieselung“ böte und die Zuseher aktiv die Posts online mitverfolgen müssten.

Unabhängig davon ist eine zweite Staffel bereits für das Frühjahr 2018 geplant. Wieder in der Seestadt, einem Pioniers-Ort, der als Setting für ein Projekt wie die „weltweit erste Social-Media-Serie in Echtzeit“ wohl kaum zu schlagen ist.

(Titelbild: © Schauspielhaus Wien)