"The Cast" eröffnete am Fretag das Voice Mania-Festival mit berühmten Arien wie "Nessun Dorma". ©Habringer

Balcanto: Wenn ein Balkon zur Bühne wird

Im November findet in Wien zum bereits zwanzigsten Mal das A-Capella-Festival Voice Mania statt. Mehr als 30 internationale Musikgruppen präsentieren dabei die Stimme in all ihren Facetten. Die Auftaktveranstaltung Balcanto liefert einen Vorgeschmack auf das Festival und verwandelt die Balkone in der Innenstadt zu Musikbühnen in luftiger Höhe.

Pünktlich um 14 Uhr ist es soweit: Auf dem Balkon der Buchhandlung Manz eröffnet die Opernband „The Cast“ das diesjährige Voice Mania-Festival mit einer Auswahl bekannter Arien. Die ersten Passanten unterbrechen ihren Einkaufsbummel und schnell bildet sich eine Menschentraube. Dass ausgerechnet „The Cast“ am Balkon der Buchhandlung Manz singt, hat einen Grund. Mit knapp 15 Metern Höhe liegt der Balkon höher als alle anderen Bühnen, die im Rahmen der Auftaktveranstaltung Balcanto bespielt werden.

Im Video: Ausschnitte aus den Konzerten, den Anfang macht auch hier „The Cast“.

Fesselkunst in der Fußgängerzone

Für manche Sänger stellt diese große Distanz ein Problem dar, nicht so für „The Cast“: „Für uns Opernsänger ist es nichts Besonderes, unverstärkt zu singen.“, so der kanadische Mitbegründer Campbell Vertesi.  „Das Spezielle an Balcanto ist für uns das Publikum: Im Theater hat jeder eine Karte gekauft und daher eine gewisse Erwartungshaltung. Hier müssen wir das Publikum mit unserer Musik erst fesseln. Wenn ein Passant dann aber stehen bleibt, wissen wir, dass ihn die Stücke wirklich interessieren.“ Das alles erzählt Vertesi, während er im Laufschritt über den Graben Richtung Peterskirche eilt. Dort wartet das Publikum schon auf den nächsten Auftritt der Opernband.

Eine Idee wird zehn Jahre alt

An diesem Nachmittag breitet sich in der sonst so geschäftigen Einkaufsmeile eine Stimmung aus, die viel über die Magie der Musik erzählt. Oft entsteht der Eindruck, der ganze Graben stehe still, alle lauschen gebannt der Musik. Ausgedacht hat sich das Konzept mit den Balkon-Konzerten Nuschin Vossoughi. Vor zwanzig Jahren hob die heutige Direktorin des Theaters am Spittelberg das Voice Mania-Festival aus der Taufe und seit zehn Jahren markiert Balcanto den Beginn des Festivals. „Die Idee zu Balcanto kam daher, dass ich nie zu Boden, sondern immer nach oben schaue. Und in der Wiener Innenstadt dachte ich mir dann, wie schön es doch wäre, wenn jemand von den Balkonen heruntersingen würde.“

Nuschin Vossoughi in ihrem Theater am Spittelberg, das bei Voice Mania auch als Bühne genutzt wird. ©Mario Lang

Zu Beginn stieß Vossoughi mit ihrer Balcanto-Idee bei den Ladenbesitzern der Innenstadt auf wenig Gegenliebe: „Mit Balkan wollen wir nichts zu tun haben.“, soll es damals geheißen haben. Zehn Jahre später hat sich Balcanto im Wiener Kulturkalender etabliert und wird sowohl von den Händlern als auch von den Passanten gerne gesehen. „Es ist toll, so eine musikalische Vielfalt auf so kleinem Raum erleben zu können.“, meint etwa Verena, die von der österreichischen Gruppe „Safer Six“ sichtlich begeistert ist und bei „The Lion Sleeps Tonight“ beschwingt mitsummt.

Viel Dialekt, ein bisschen Südamerika

Ein weiteres österreichisches Original ist die „Gesangskapelle Hermann“, die ihren Auftritt am Balkon des Modeateliers Knize absolviert. Die fünf Oberösterreicher beginnen ihr Konzert leicht verspätet, legen dann aber so richtig los. Im schönsten Dialekt besingen sie die Vorzüge eines „Elektroradls“ – mit dem man sich „das Schwitzen und das Schnaufen“ sparen kann – und huldigen der österreichischen Sturschädel-Mentalität („Weil’s hoit so is, weil’s immer so woar.“).  Im letzten Gesangsstück bekommt ein stadtflüchtiger Wiener auf dem Land sein Fett weg: Weil er mit der bäuerlichen Kuhzucht fremdelt und sich nur von Körnern ernährt, wird er von den Dorfbewohnern als „klana Wegana“ enttarnt und höflich gebeten, sich zu „schleichen“. Das Publikum vor der Wiener Pestsäule quittiert diesen Schlussakkord mit viel Applaus.

Viele Besucher zückten ihr Smartphone, um die Konzerte festzuhalten. Hier am Display: Die „Gesangskapelle Hermann“. ©Raphael Habringer

Nur ein paar Straßenzüge entfernt, am Balkon des Palais Esterházy, entführt die venezolanisch-uruguayische Gruppe „Garufa!“ ihr Publikum nach Südamerika. Das Männer-Quartett bringt mit seinem Auftritt Rhythmen nach Wien, die südlichen Flair versprühen. Dabei greifen die vier Südamerikaner auch in die Trickkiste und reichern ihre Performance mit einem Percussion-Instrument und einer Blockflöte an. Während echte A-Capella-Puristen hier die Nase rümpfen würden, zeigt sich das Publikum weniger streng: Bravo-Rufe für „Garufa!“.

Mit stimmgewaltigem Rhythmus gegen die Novemberkälte. „Garufa!“ gelang dieses Kunststück mit Leichtigkeit. ©Raphael Habringer

Ein Monat, fünf Spielorte

Mit den Klängen von der Südhalbkugel war die zehnte Auflage von Balcanto auch zu Ende. Das Voice Mania-Festival hat damit aber erst begonnen. Bis 3. Dezember haben A-Capella-Fans nun die Chance, Gesang aus aller Welt in Wien zu hören. Fünf Spielorte, darunter das Theater am Spittelberg und das MuTh, bieten den Künstlern dieses Jahr eine Bühne. Die Genre-Palette reicht dabei von Austro-Pop bis Salsa, vom Jodeln bis zum Beatboxing. Das einende Element ist dabei auch gleichzeitig das wichtigste: die Stimme.


Titelbild: Mit der Arie „Nessun dorma“ aus der Puccini-Oper „Turandot“ eröffnete „The Cast“ das Voice Mania-Festival. ©Raphael Habringer