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Poetry-Slam: Eine Hebamme trumpft auf

„Raus auf die Bühne, Spaß haben, Hütte zerlegen“ – so lautet das Geheimrezept der jungen Steirerin Agnes Maier, die sich für die nationalen Poetry-Slam-Meisterschaften in Wien qualifiziert hat. Diese wurden mittlerweile zum elften Mal vom Wiener Kulturverein FOMP veranstaltet. 

Während der Gedanke an Lyrik bei vielen nur Erinnerungen an quälende Gedichtinterpretationen im Deutschunterricht weckt, erlangt die Dichtkunst in moderner Form wieder zunehmend an Bedeutung. Poetry Slams sind literarische Wettbewerbe, bei denen Künstler selbstgeschriebene Texte präsentieren und um die Gunst des Publikums buhlen. Bereits in den 80ern entstand dieses Bühnenformat in Chicago, das sich sehr gegensätzlich zu der hierzulande verbreiteten, unspektakulären „Wasserglaslesung“ verhält.

Die Regeln für den Wettbewerb sind strikt definiert: Die Poetinnen und Poeten erhalten fünfeinhalb Minuten Zeit, einen selbst verfassten Text vorzutragen, mit dem Ziel, das Publikum mitzureißen und möglichst viele Jury-Punkte zu erzielen. Der Fokus liegt hierbei auf dem Inhalt und der Präsentation, der Einsatz von Kostümen und Requisiten ist verboten. Dafür darf aus allen Textgattungen frei gewählt werden, Gesangseinlagen dürfen nur zitatweise vorkommen.

Von 19. bis 21. Oktober 2017 traten die 40 besten Künstlerinnen und Künstler Österreichs gegeneinander an, um den besten „Poetry-Slammer“ oder die beste „Poetry-Slammerin“ des Jahres zu küren. Diese Top 40 sicherten sich in den zahlreichen Vorrunden, die in allen Bundesländern Österreichs und in Südtirol stattfanden, einen Platz im Landesfinale.

Die Jury bewertet den Auftritt mit maximal zehn Punkten  ©FOMP/TJ Photography

Fingerschnippen ist wie Jubel

Bereits in der zweiten Vorrunde begeistern einige Interpreten das Publikum mit ihrer Performance besonders: Klaus Lederwasch, der mittlerweile als Urgestein der Szene gilt, macht den Anfang und läutet die Runde ein. Der Steirer zieht die Zuhörer vor allem mit Humor und viel Sprachwitz in den Bann seiner Dialekt-Geschichte. Nach und nach treten aber auch Künstlerinnen und Künstler auf, die Texte mit tiefgründigen und persönlichen Erlebnissen vortragen. So der gebürtige Bosnier Mario Tomic, der das Publikum auf eine Reise in das Jugoslawien der Neunziger mitnimmt und seine Gefühle und Erlebnisse im Krieg offenbart. Er erzählt über die Furcht in der Heimat und über die Ablehnung, die ihm in Deutschland als Flüchtlingskind widerfährt. Bereits während der Performance schnipsen die Zuhörer immer wieder mit den Fingern – ein Ausdruck der Begeisterung, ohne dabei dem Künstler ins Wort zu fallen.

Mario Tomic bewegt die Zuhörer mit tiefen persönlichen Einblicken ©FOMP/TJ Photography

Dann ist da noch eine Poetin, deren Gedicht wie ein Blitz einschlägt und ein besonders sensibles Thema aufgreift: die 24-jährige Agnes Maier erklärt den richtigen Umgang mit der weiblichen Sexualität und rechnet dabei ein für alle Mal mit den Vorurteilen und falschen Vorstellungen der Männer ab. Dass sie sich damit auskennt ist Teil ihres Jobs: Maier arbeitet als Hebamme an der Privatklinik Ragnitz in Graz. Während die weiblichen Zuseher sich vor Lachen kaum halten können, wirkt der ein oder andere Mann etwas irritiert, ein Grinsen kann sich aber niemand verkneifen. Auch Maier wird vom Publikum gefeiert und zieht mit einer Top-Wertung ins Finale ein.

Kevin, nomen est omen?

Bei dem Finale im Team-Bewerb am Freitag gelingt es dem Duo „Kevin“, bestehend aus Agnes Maier und Klaus Lederwasch, den Titel in die Steiermark zu holen. Für die Wahl des Teamnamens „Kevin“ liefert Maier eine Erklärung: „Das ist der Name, von dem evidenzbasierter Weise am wenigsten erwartet wird. Wir sind noch nicht so lange ein Team und hatten nur wenig Zeit, einen gemeinsamen Text zu verfassen, dementsprechend chaotisch verliefen auch die Vorbereitungen…“ – so wurde der Finaltext erst am Vortag verfasst.

Klaus Lederwasch und Agnes Maier alias „Kevin“ in Team-Action ©FOMP/TJ Photography

Die Meisterschaften enden schließlich mit dem Highlight am Samstag: dem Einzel-Finale. Hier wird das „Märchen“, wie Maier es selbst nennt, dann perfekt. Sie belegt auch im Einzel-Bewerb den ersten Platz und wird zur „österreichischen Poetry-Slam-Meisterin 2017“ gekürt.

Der Meistertitel bringt Publicity

Dass solche Siege zur Bekanntheit beitragen und Türen für weitere Engagements öffnen können, weiß auch Maier: „Für mich heißt das vor allem mehr Einladungen, mehr Veranstaltungen und damit mehr Arbeit. Aber das ist Arbeit, die mir Freude macht.“ Trotzdem kann sie sich noch nicht vorstellen, ihren Beruf aufzugeben und nur von der Poesie zu leben: „Ich bin gern Hebamme, mir liegen Frauen und ihre Kinder am Herzen. Ich liebe es aber auch, zu schreiben. Diese beiden Aspekte verbinde ich gerne und nutze meinen Platz auf der Bühne um Themen anzusprechen.“

Mit Pomp und Gloria: die gekrönte Siegerin des Ö-Slam 2017: Agnes Maier ©FOMP/TJ Photography

Allen, die heuer nicht persönlich dabei sein konnten, gibt die Siegerin noch einen Tipp für die kommenden Events in der Poetry-Slam-Szene: „Geht da hin. Schaut es euch selbst an. Ich bin begeistert und ihr werdet es auch sein!“

Aktuelle Termine und Veranstaltungen sind auf www.facebook.com/fomp.vienna zu finden. Die nächsten Poetry-Slam-Meisterschaften finden 2018 in Klagenfurt statt.

Links:

www.öslam.at

https://www.slam2018.at/

https://agnes-maier.webnode.at/