„Der Spieler“: Zwischen Marlboros und grünen Scheinen

Sex, Koks und viel Zigarettenrauch. Bis 08. November 2017 zeigt das „Bronski und Grünberg“ Theater sein provokantes Stück „Der Spieler“.  Es ist eine hauseigene Neuinszenierung des gleichnamigen russischen Klassikers, die das Original in die wilde Szenerie der 1970er Jahre versetzt.

Rechtzeitig zum ersten Geburtstag des jungen Wiener Theaters „Bronski und Grünberg“, geht dort das Stück „Der Spieler“ am 08. November 2017 in die letzte Runde. Das Drehbuchautoren- und Regieteam Alexander Pschill und Kaja Dymnicki fassen den bekannten Roman von Fjodor Dostojewski neu auf. Mittels derbem Humor und skurrilen Sprüchen wird eine erinnerungswürdige Adaption der Urfassung geschaffen.

Ein neues Spiel

Playboy, Banane, Zigarette, Zigarre. Mit diesem Einstieg verwandelt sich das kleine Theater im 9. Bezirk plötzlich in das „Lucky Bastard“ – ein verruchtes und verrauchtes Hotel im Saigon der 1970er Jahre. Neonlicht und Leuchtreklame beleuchten den Schauplatz, sowie die im Hotelzimmer verweilende Gesellschaft. Fünf scheinreiche Aristokraten und ein Sekretär verstricken sich in pragmatischen Heiratsplänen, einer scheiternden Hassliebe und verfallen allesamt der Spielsucht.

Wie eine Aufschrift auf der Hotelwand verrät, wird das Publikum in eine Szenerie „IRGENDWO IM FƎRNƎN OSTƎN. U.S. SEꓘTOR 1973“ versetzt. In dem schäbigen Zimmer haben sich „der General“, seine Stieftochter Polina, sein Sekretär Alex, die französischen Geschwister Monsieur de Grieux und Madame Blanche, sowie der ruhige Engländer Mister Astley eingefunden. Alex ist unsterblich in Polina verliebt, die seine Abhängigkeit schamlos ausnutzt und ihn in ihrem Auftrag zum Roulette schickt um für sie zu spielen, denn trotz gefasster Miene und scheinbarem Wohlstand sind der General und seine Tochter hoch verschuldet. Während versucht wird die Fassade aus Reichtum aufrecht zu erhalten, warten alle sehnsüchtig auf das Sterben der steinreichen Tante um deren Vermögen zu erben. Als dann statt dem erhofften Todesbescheid die Tante selbst vor der Tür steht, versucht Alex seine Geliebte durch Gewinne beim Roulette zu retten und verfällt dem Spiel.

Hitzige Wortgefechte: M. Blanche, der General, Polina, die Tante, M. Grieux und Alex. (v. l. n. r.)
C: Andrea Peller

Das Original spielt 100 Jahre früher in der erdachten Stadt „Roulettenburg“ in Deutschland. Somit wurde zwar die Idee eines konkreten, fiktiven Schauplatzes nicht weitergeführt, doch abgesehen von der Änderung von Zeit und Ort, sowie modernisierten Dialogen weicht die Neuinszenierung nicht weit von Dostojewskis Klassiker ab. Charaktere, deren Eigenschaften und Züge, sowie Handlungsstrang werden weitgehend beibehalten. Auch der komödiantische „Slapstickhumor“ und die überzogenen Dialogszenen, wurden zwar den neuen Zeit-und Raumbedingungen angepasst, orientieren sich jedoch an der vom Autor vorgesehenen burlesken Groteske. Dennoch verleiht die Szene der 70er Jahre dem Stück einen aufmüpfigen und rücksichtslosen Charme. Sex und Drogen gehen mit dem Narzissmus jedes Charakters einher. Doch die zentrale Thematik des Roulettes und der Fluch des Geldes bleiben.

Provokante Szenen zwischen Monsieur Grieux (Florian Carove) und Polina (Julia Edtmeier)
C: Andrea Peller

Flucht vor der Realität

Geld ist das einzige und oberste Ziel. Die Protagonisten verstecken sich hinter Masken aus Scheinreichtum, während die letzten 20 Dollar beim Roulette verspielt werden. Verlust und Gewinn wechseln sich ab und die Illusion zwischen Haben und Nicht-Haben funktioniert perfekt – bis die Spielsucht anfängt Überhand zu nehmen. Der Spieltisch bietet Zuflucht vor der Realität. Einzig und allein eine kleine Kugel entscheidet über das Schicksal und bietet somit die Möglichkeit sich von aller Verantwortung zu lösen. Während draußen das Kriegsgewitter tobt flüchten die Spieler in die Welt des Roulettes. Der (Geld-) Schein ist hierbei wichtiger als das tatsächliche Sein, denn es lebt sich gemütlicher im unechten Reichtum als in der gewaltvollen Realität. Alles endet in der Erkenntnis, dass diese nur aus Trugbildern besteht und der Mensch im Innersten einsam ist. Der einzige Ort an dem diese Einsamkeit Sinn macht ist das Casino, denn am Ende spielt jeder für sich selbst.

Geld und Gier

Mit der Auffassung des Themas „Geldmangel“ trifft das „Bronski und Grünberg“ den Kern einer zeitlosen Problematik. Auch das Theater selbst war davon betroffen, musste es doch kürzlich ein Crowdfunding Projekt starten. Mittlerweile ist die Geldnot überwunden und das künstlerische Team des „Bronski und Grünberg“ Theaters steht finanziell wieder auf eigenen Beinen. Dennoch ist die Realitätsflucht in den Kapitalismus, als das bestimmende System unserer Gesellschaftsstrukturen, ein Motiv, dass sich in der Wirklichkeit widerspiegelt. Viel mehr jedoch wird die menschliche Gier betrachtet und das Phänomen des „nie-genug-habens“ wird zum Ruin jeder Figur. Emotionen weichen einem abgestumpften Egoismus, der mit Gefühlen nichts mehr anfangen kann. Unbemerkt verwandelt sich Reichtum in Armut, denn es gibt keine Grenze nach oben.

Ob die Neuauffasung des „Bronski und Grünberg“ Theaters nun bewusst auf diese Themen anspielen will oder einfach nur eine gelungene Inszenierung des ursprünglichn Romans darstellt, sei hier fragend in den Raum gestellt. Klar ist, dass das Stück „Der Spieler“ das russische Original gebürtig, nun auch in der Wiener Kultur verewigt.

Trailer zu „Der Spieler“:

Quelle: https://www.bronski-gruenberg.at