„Ganz Wien.“: Wenn Popmusik Geschichte schreibt

Unter dem Namen Ganz Wien. Eine Pop-Tour findet bis März 2018 eine Ausstellung zur österreichischen Popgeschichte im Wien Museum statt. Das Konzept: Ein multimediales Erlebnis. Die Tour zeigt Künstler wie Falco, Danzer und Bilderbuch im Kontext der Musikkultur Österreichs.

„Ganz Wien ist heut’ auf Heroin.“ Wer den Song von Falco kennt, weiß, dass Popkultur und Drogen zusammengehören wie Pech und Schwefel. Bei der gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum spielen Heroin und Kokain nur eine Nebenrolle. Seit September können Interessierte dort die popkulturellen Entwicklungen Wiens von 1953 bis 2017 durchleben.

1975: Georg Danzer übergibt Josefine Hawelka seinen ersten Nummer-eins-Hit Jö Schau. Der Liedtext spielt in ihrem Café; Quelle: Wien Museum/Wolfgang Kos

Hautnahe Eindrücke

„Was ist Beat?“, wird ein älterer Herr mit Hut in einem ORF-Interview gefragt. Das Bild wirkt blass und alt, der Ton etwas undeutlich. Seine Antwort auf die Frage: eher zurückhaltend. Zu seiner Zeit war der Begriff noch nicht bekannt. Dieses Interview ist nur einer von vielen Zeitausschnitten, die bei den über 40 Audio- und Videostationen gezeigt werden. Abgesehen davon zählt die Pop-Tour über 300 weitere Ausstellungsobjekte. Dazu gehören Tagebucheinträge, Fotos, Plattencover, Flyer, Plakate und Bühnenoutfits.

Alle einflussreichen Protagonisten der Wiener Popgeschichte sind Teil der Ausstellung, von Georg Danzer über Falco bis hin zu Drahdiwaberl und Bilderbuch. Sie prägen die österreichische Musikkultur wie niemand sonst.

1993: Kruder & Dorfmeister veröffentlichen ihre erste EP G-Stoned;. Die beiden DJs prägen die Anfänge der Elektronikmusik. Ihr Erfolg reicht weltweit; Quelle: Wien Museum/Gerhard Heller/Walter Gröbchen

Wiener Jugendlokale als Entstehungsort für neue Kulturströmungen

Elf popkulturelle Brennpunkte wie der Strohkoffer in den 1950er Jahren, die 1980er-Kultdisco „U4“ oder jüngere Szenenreffs wie das fluc dienen als Ausgangspunkte für die erzählte Geschichte. Oftmals waren es diese Örtlichkeiten, die neue Künstler oder Musikrichtungen in Wien bekannt machten.

1953: Friedensreich Hundertwasser im “Strohkoffer”. Das Wiener Lokal ist ein zentraler Treffpunkt für Künstler der Nachkriegszeit. Quelle: Wien Museum/Erich Lessing

Zu diesen neuen Genres zählen unter anderem Rock’n’Roll in den 1950er und 1960er Jahren, Punk in den 1980ern und Elektronikmusik in den 1990ern und frühen 2000ern. Sie alle sind heute Teil der Jugendkultur, deren Existenz selbstverständlich scheint.

1971: Gipsy Love, eine der ersten Rockbands Österreichs, live im Szenenlokal „Camera“. Ihr Einfluss auf die Musikszene ist enorm; Quelle: Wien Museum/Karl und Anna Ratzer

„Geschichte ist immer Teil der Gegenwart“

„Mit unserer Ausstellung Ganz Wien. Eine Pop-Tour wollen wir zeigen, dass Gegenwart und Vergangenheit immer zusammenhängen. Selbst hinter der Wiener Musik- und Clubkultur steht eine lange Entwicklung. Unser Ziel ist es, die Besucher in dieser Geschichte zurückzuführen“, so die Kuratorin Michaela Lindinger.

Dass die Pop-Tour ausgerechnet jetzt stattfindet, basiert auf einem Positionswechsel in der Führungsebene des Wien Museums. „Die Idee für eine Ausstellung über die Wiener Popkultur stand bereits 2010 im Raum. Genehmigt worden ist das Konzept dann aber erst im Frühjahr 2016 unter dem neuen Museumsdirektor Matti Bunzl. Ab da ging alles sehr schnell und innerhalb von nur eineinhalb Jahren haben wir die gesamte Pop-Tour auf die Beine gestellt.“

2017: Bilderbuch – Die Band zählt zu den wenigen österreichischen Musikproduzenten, die heute auch außerhalb der Staatsgrenzen bekannt sind; Quelle: Wien Museum/Heribert Corn

Ausgiebiges Zusatzmaterial

Teil der Ausstellung sind auch Zitate aus dem Lexikon der österreichischen Popmusik von Ö1. In dieser Radioserie wird das Leben einzelner Musikerinnen und Musiker porträtiert und deren Bedeutung für die österreichische Musiklandschaft aufgeschlüsselt. Die Inhalte können Online nachgehört werden. Ebenfalls steht ein 200 Seiten starker, bebilderter Katalog zur Pop-Tour im Museumsshop zum Verkauf.

Wien: Eine Kulturstadt

Wien ist eine Stadt, die vor allem für ihre ausgeprägte Musikgeschichte und ihr vielfältiges Kulturangebot geschätzt wird. Weltbekannte Komponisten und Musiker wie Mozart oder Beethoven prägen die die Metropole bis heute.

Anders verhält es sich bei der popkulturellen Musik, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs entstanden ist. Deren Bekanntheit ragt bis auf wenige Ausnahmen wie Falcos Rock Me Amadeus oder Hansi Langs Keine Angst kaum über die Landesgrenzen hinaus. Ganz Wien. Eine Pop-Tour greift diese Thematik auf und zeigt, dass die Wiener Musikgeschichte mehr zu bieten hat, als es der erste Eindruck vermuten lässt.

Weiterführende Links:

Ö1: Lexikon der Popmusik
Wien Museum
Katalog: im Online Shop
Ganz Wien: Falco / Danzer

Titelbild: Falco 1985;  Quelle: Wien Museum/Didi Sattmann